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Niederlande wollen deutschen Soldaten ehren

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18 Jahre war der deutsche Soldat Karl-Heinz Rosch alt, als er 1944 in den Niederlanden zwei Kinden das Leben rettete. Unmittelbar danach wurde er von einer Granate tödlich getroffen. Die kleine Stadt, in der sich all das zutrug, will Rosch jetzt ein Denkmal widmen – ein bisher einmaliger Vorgang.

„Gebt Ihr uns erst einmal unsere Fahrräder zurück!“ Diesen Satz bekommen Deutsche in den Niederlanden seit Jahren hören. Ein Schwarz-Weiß-Foto aus Kriegszeiten, auf dem ein deutscher Soldat einer Frau das Fahrrad entreißt, ist bis heute im kollektiven Gedächtnis der Niederländer. Zu den „Moffen“, wie sie ihre Nachbarn etwas abwertend nennen, haben sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine zwiespältige Beziehung. Jetzt aber soll einem „Mof“ erstmals in den Niederlanden ein Denkmal gesetzt werden.
Karl-Heinz Rosch rettet mit 18 Jahren im Herbst 1944 in der niederländischen Kleinstadt Goirle zwei einheimischen Kindern das Leben: Er sieht die Einschläge der Granaten näher kommen und trägt die beiden vom Feld in ein nahes Bauernhaus. Kurz darauf wird er selbst von einer Granate getroffen. „Er starb also, um das Leben der Kinder zu retten“, sagt Herman van Rouwendaal, ein heute 75-jähriger Bürger von Goirle.

Van Rouwendaal, ehemaliger Stadtrat, will dem Deutschen jetzt ein Denkmal setzen: Mannshoch soll das Kunstwerk der Bildhauerin Riet van der Louw sein. Es zeigt den
Uniformierten, wie er zwei Kinder im Arm trägt. Derzeit ist nur das Modell aus Ton fertig, das Geld für die Bronzestatue sammelt van Rouwendaal noch. Das Projekt ist Wasser auf die Mühlen von Nationalisten auf beiden Seiten der niederländisch-deutschen Grenze. In der rechtskonservativen deutschen Wochenzeitung „Junge Freiheit“, in der nur wenige Meldungen Platz haben, wird Initiator van Rouwendaal mit den Worten zitiert, „der junge Soldat war ein Held“. Dass die geplante Statue ein Pilgerort für rechtsextreme Deutsche werden könnte, glaubt Rouwendaal aber nicht. Überhaupt hat er schon jetzt keine Lust mehr, immer wieder zu seiner Idee Stellung zu beziehen: „Letztlich ist es doch nur eine lokale Angelegenheit.“

"An einem Fleck beide Seiten des Kriegs erzählen"

Kurz vor dem Nationalen Erinnerungstag am 4. Mai zieht sie nun aber nationale und internationale Aufmerksamkeit auf sich. An diesem Tag versammeln sich im Zentrum von Amsterdam Tausende Menschen und gedenken mit bewegenden Reden und zwei nationalen Schweigeminuten um 20 Uhr der Toten des Zweiten Weltkriegs. „Immerhin wäre es die erste Statue für einen deutschen Soldaten in den Niederlanden“, sagt David Barnouw vom Nationalen Institut für Kriegsdokumentation (Niod) in Amsterdam.
Geplant ist ein Standort im Goirler Stadtmuseum. Jedoch ist van Rouwendaal wichtig, dass die Aktion im richtigen Zusammenhang wahrgenommen wird. „Die Statue soll im Museum gleich neben fünf Pfählen aufgestellt werden“, sagt er. Die Deutschen hatten 1942 fünf niederländische Intellektuelle und Künstler an genau diese Holzpfähle gebunden, um sie zu erschießen.
Das diente der Abschreckung. „Wenn dann die Statue von Karl-Heinz Rosch direkt neben diesen Pfählen steht, werden an einem Fleck beide Seiten des Kriegs erzählt.“ Doch bevor es so weit ist, müssen die Überlebenden von damals entscheiden, ob sie das möchten.

Die Besatzungszeit der Deutschen ist in den Niederlanden noch heute ein heikles Thema – nicht nur um den 4. Mai herum. Lebten vor dem Krieg rund 160.000 Juden in den Niederlanden, waren es 1945 nur noch 20.000 – die wohl bekannteste Geschichte dazu ist die von Anne Frank, die über ihre Zeit in einem Amsterdamer Hinterhaus ein Tagebuch verfasste. Zudem mussten Hunderte Regimegegner ihr Leben lassen.
Auch deswegen halten sich an diesem Sonntag selbst Einwanderer an die nationalen zwei Schweigeminuten. Busse, Bahnen und Privatautos halten mitten auf der Strecke an. Noch bis vor wenigen Jahren wurde den „Moffen“ geraten, die Niederlande Anfang Mai zu meiden oder wenigstens nicht laut Deutsch zu sprechen. „Diese Zeiten sind aber vorbei“, sagt Barnouw vom Niod-Institut. Heutzutage bemühten sich die Städte, speziell an der Grenze, um gemeinsame Feiern an diesem sensiblen Datum. „Man hört zwar noch, dass Deutsche manchmal in Läden schlecht behandelt werden“, sagt der Historiker, „aber im Großen und Ganzen gehen beide Seiten freundlich miteinander um.“

Die Welt

Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte.

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Louis Begley ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Anwalt. Die Doppelrolle kommt ihm in seinem jüngsten Werk zugute. Begley analysiert die Affäre um den französisch-jüdischen Offizier Alfred Dreyfus, der 1894 der Spionage für Deutschland verdächtigt und auf die Teufelsinseln verbannt wurde. Gleichzeitig setzt er sie mit dem Terrorkampf in Beziehung und vergleicht Dreyfus' Haft mit dem Schicksal der Guantánamo-Häftlinge.

Von Louis Begley. Aus dem Engl. von Christa Krüger. Suhrkamp, Frankfurt/M., 220 S., 19,80 Euro.

Joschka Fischer erklärt den Bayern deutsche Geschichte

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Manche Dinge ändern sich nie. Edmund Stoiber eilt an diesem Morgen durch den Mittelgang im Atrium der bayerischen Landesvertretung, da flitzt ein Mann von hinten heran. Stoiber - schlank, sehr weißhaarig, hocherhobener Kopf - scheint nicht einmal zu bemerken, wie ihm der eifrige Mitarbeiter die Fluse vom Jackettrücken wischt. Es ist egal, dass Edmund Stoiber nur noch ehemaliger bayerischer Ministerpräsident und nur noch Ehrenvorsitzender der CSU ist.

Der Mann, dem er im nächsten Moment mit ganzem Körpereinsatz die Hand schüttelt, hat sich in seinem Leben dagegen so oft gehäutet, dass man mitunter die Übersicht verlieren konnte. Seit einiger Zeit ist Joschka Fischer 'Elder Statesman', aber auch diese Rolle weiß er zu modulieren. An diesem Freitag tritt der Ex-Bundesaußenminister "als einfaches Grünen-Mitglied" auf, wie er einem Fernsehreporter erzählt. Das ist kein unwichtiges Detail, nachdem ein Münchner Nachrichtenmagazin mit Blick auf die Einladung durch CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer über "schwarz-grüne Annäherung" spekulierte. "Ich spreche hier nur für mich selbst", sagt der mächtigste Grüne aller Zeiten in die Kamera.

Dass es natürlich ein politisches Ereignis ist, wenn er in der Berliner Dependance des Freistaats auftritt, weiß Joschka Fischer. Genau wie der Gastgeber.

"Ich begrüße den ehemaligen deutschen Außenminister", sagt CSU-Chef Seehofer in seiner Einführung, und dann nach einer kleine Pause, "sowie langjährigen Kontrahenten". Am lautesten ist aus dem folgenden Gelächter das tiefe Hoho Seehofers herauszuhören. Fischer und Karl Johannes Fürst zu Schwarzenberg, Tschechiens bisheriger Außenminister, sollen den geladenen Gästen ihre Gedanken zu 60 Jahren Grundgesetz und 20 Jahren Mauerfall mitteilen. Schwarzenberg ist zwar kein wirklicher Parteifreund Fischers, amtierte aber bis vor wenigen Tagen als von den Grünen benannter Prager Chefdiplomat. "Das gab es noch nie, dass die Grünen hier in der Mehrheit sind", sagt Gastgeber Seehofer, "deshalb bin ich besonders dankbar, dass Edmund Stoiber da ist."

Eigentlich hätten ja auch die ehemaligen FDP-Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Klaus Kinkel sprechen sollen, so entschuldigt sich Seehofer. Aber die seien wegen des parallel stattfindenden Liberalen-Bundesparteitags nicht verfügbar. Dass Parteitage lang im voraus geplant werden, verschweigt der Politikprofi.

Fischers rhetorischer Ritt durch die Geschichte

Bühne frei also für Joschka Fischer. Dunkler Anzug, rote Krawatte, nichts erinnert mehr an seine Marathon-Zeiten. "Es ist eine große Freude für mich, hier sprechen zu dürfen", sagt Fischer. "Gleichzeitig ist es ein Novum für mich."

 Und dann legt er los, zu einem rhetorischen Ritt durch die deutsche und europäische Geschichte: Lobt sowohl die Westintegration der Bundesrepublik wie die Ostpolitik Bonns. Findet beinahe euphorische Worte für die Leistungen Helmut Kohls im Einigungsprozess und in der Europafrage - für jenen Kanzler, an dem sich wohl kein deutscher Politiker so gerieben hat wie er. Und formuliert seine Skepsis, angesichts der Herausforderungen für das vereinte Deutschland und die EU. "Die Einheit verdanken wir der deutschen Demokratie", sagt Fischer. "Aber die Zukunft unseres Landes wird von Europa abhängen."

Werde man also in 20 Jahren wieder in ähnlich feierlichem Ambiente zusammenkommen?

Fischer hat da seine Zweifel. Aber vielleicht sei sein Pessimismus auch unbegründet und "ein sehr alter Ministerpräsident Seehofer" heiße die Runde dann abermals willkommen. Die Dinge verschöben sich, sagt er lachend mit Blick auf den CSU-Chef, "die Koalitionsoptionen werden ja immer weiter". Das findet jedenfalls auch Seehofer amüsant.

Dann ist Fürst Schwarzenberg an der Reihe, ein überaus gebildeter älterer Herr mit Fliege und kariertem Dreiteiler. Wegen seiner K.u.K.-Herkunft spricht der Gast aus Tschechien zudem ein charmantes Wienerisch. Seine These, ähnlich der Fischers: Deutschlands Entwicklung seit 1949 hätte niemand für möglich gehalten - aber nun hänge alles an der Zukunft der EU. "Europa wird nicht an seinen Gegnern von außen scheitern - aber vielleicht, weil es seine Bürger nicht mehr interessiert." Schwarzenbergs Forderung: Die EU müsse deshalb näher zu den Menschen. Und die Integration nach Osten weitergehen. "Ein unvollendetes Europa ist kein Europa", sagt er. Andernfalls, warnt er, "gibt es in 20 Jahren nichts zu feiern, dann können wir uns nur still in der Ecke besaufen".

Auch diese Vorstellung amüsiert den Gastgeber in der ersten Reihe. Schwarz-Grün hin oder her - der Geschichtsunterricht von Fischer und Schwarzenberg scheint Horst Seehofer jedenfalls bestens gefallen zu haben.

Spiegel

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